Taijiquan in 10.000 Metern Höhe

Ich schreibe dies in auf ca. 30.000 Fuß im Flugzeug auf dem Weg nach Toulouse. Meister Chen Zhonghua sitzt neben mir, es ist Abend und wir sind den halben Tag unterwegs und schon sehr müde.
Im letzten Flug von Danzig nach München hat mir Meister Chen wieder eine Lektion gegeben und mir einiges über die Rotation erzählt.

Auf ähnliches bin ich schon mal auf einem Flug gekommen, allerdings führt das, was Meister Chen mir vor ein paar Stunden erzählte viel weiter und ergänzt mein Verständnis von der Sache natürlich um einiges, vor allem was die praktische Durchführung angeht.

Die praktische Durchführung kann nicht wirklich in Worte gefasst werden. Das muss gezeigt werden. Jeglicher Versuch es zu beschreiben wäre eine Zeitverschwendung.
Hier möchte ich jedoch kurz die Theorie etwas erleuchten.

Man stelle sich eine rotierende Scheibe vor. Welche Auswirkung hat diese Scheibe auf uns? Zunächst einmal gar keine. Ob sie sich schnell, langsam oder gar nicht dreht. Ohne einer physischen Interaktion ist das für uns absolut irrelevant.
Gehen wir von einer sich langsam drehenden Scheibe aus. An einen beliebigen Punkt am Rand bringen wir ein Seil an. Durch die langsame Rotation wird das Seil auf die Scheibe aufgewickelt.
Für uns im Taijiquan hat das keine Funktion.
Spannend wird es erst, wenn die Scheibe eine höhere Umdrehungszahl hat. Ab einer bestimmten Umdrehungszahl löst sich das Seil von der Scheibe. Dabei ist das Verhältnis von dem Radius der Scheibe, der Umdrehungszahl und der Länge und Masse des Seils entscheidend.
Je nach Verhältnis kann sich das Seil komplett gerade strecken und sogar ausdehnen, bis es reißt.

Was hat das für uns für eine Bedeutung? Wo ist das Seil am Körper?

Etwas eingeengt in unseren Flugzeugsitzen erklärte und zeigte mir Meister Chen auf verschiedene Arten die Zusammenhänge. Die anderen Fluggäste um uns herum wagten verstohlene Blicke. Alle waren Neugierig, was wir machten.

„Das Seil soll uns nur veranschaulichen, dass es ein einheitliches Kräftefeld um den Rotationsmittelpunkt gibt. Am Körper existiert es nicht.“ Antwortete Meister Chen Zhonghua auf meine Frage danach. Sobald man rotiert gibt es dieses Kräftefeld.

Wie erreicht man das? Wie nutzt man das? Waren weitere Fragen von mir. „You need a Catch!“ Sagte der Meister. Er erklärte mir, dass das Wort im Chinesischen, welches man benutzt etwas mit Holzverbindungen zu tun hat. Es ist wie eine Klammer. Man muss also Klammern um zu rotieren. Ohne Klammer gibt es keine Rotation. Auf der anderen Seite: Wenn man klammert, rotiert man auch.

„Now you understand?“ — „Yes, Master Chen, I do.“

There's an english version on Master Chen Zhonghua's website.

Pawel Müller

Pawel Müller

Seit 2009 trainiere ich intensiv Taijiquan. Nach mehreren reisen nach China bin ich nun interner Schüler von Meister Chen Zhonghua und Vertreter des Chen Stils in 20. Generation.

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