Ganz Einfache Dinge

Eine Sache, die ich am Unterricht von Meister Chen Zhonghua sehr schätze ist, dass er auch die einfachsten Dinge erklärt. Und das immer und immer wieder. Bei manchen Themen denkt man sich: "Das kann er doch nicht ernst meinen?"

Ich bin der Beobachter

Ich habe Meister Chen nun schon oft auf Workshops begleitet und ihm assistiert. Von den drei intensiven Monaten in China ganz zu schweigen. Während der Workshops bin ich meistens hinter der Kamera. Als Kameramann hat man vor allem die Aufgabe zu beobachten, um möglichst alle seiner Lektion gut einzufangen. Ist man Teilnehmer der Workshops hingegen, so fokussiert man seine Aufmerksamkeit hauptsächlich auf das Taijiquan selbst. Auf die Techniken, die Übungen und auch die ganzen Geschichten, die Meister Chen zur Auflockerung des Unterrichts erzählt.
Ich hatte die Möglichkeit auf die Unterrichtsmethodik zu achten und besonders auch auf die Geduld die Meister Chen aufbringt, indem er wieder und wieder die selben einfachen Dinge erzählt.

Warum tut er das?

Das verlinkte Video ist ein Auszug aus einem längeren Workshopmitschnitt aus Perth, Australien. Am Anfang redet er praktisch davon, dass es vier Richtungen in einem Raum gibt: Vorne..., links..., rechts... und hinten. Als ob man das nicht eh wüsste. Natürlich ist das so.
Während meiner Reisen mit ihm habe ich aber gemerkt, dass es gar nicht so selbstverständlich ist, sich bewusst zu machen, wo im Raum diese Richtungen liegen. Dadurch, dass ich nicht an den Workshops teilgenommen habe, sondern alles genau beobachten musste, habe ich Situationen erlebt, wo ich mir zunächst an den Kopf greifen musste: Sobald die Schüler selber üben sollen, halten sie sich nicht an die einfachsten Dinge, die gerade unterrichtet wurden. Fast ausnahmslos orientieren sich die Leute in diesem Beispiel irgendwie im Raum und bei jedem ist "vorne" plötzlich ganz wo anders.

Machen wir einen zeitlichen Spruch: Es ist inzwischen eine Woche vergangen. Der Alltag, mit Job und Familie, Müll rausbringen, Wäsche waschen, mit Kollegen tratschen, usw. hat mich wieder. Nun möchte ich unbedingt die Übungen vom Workshop wiederholen. Ich stelle mich zu Hause oder im Park hin und will loslegen. Aber wie ging doch nochmal diese Übung. War das zuerst links, nach vorne und dann rechts, oder rechts, vorne und dann links? Kein Problem, ich gehe in mich und denke an den Raum in dem der Workshop stattfand. Zunächst ging ich in Richtung der Tür, also nach links, dann nach vorne. Aber moment, danach stand ich anders im Raum und die Tür war rechts. Ich bin ganz durcheinander, nach nur einer Woche kann ich mich nicht erinnern, was, wann, wo war und ich kriege die Übung nicht mehr hin.
Und dann kommt mir die Erleuchtung: Deshalb hat Meister Chen von den Raumrichtung geredet! Deshalb war ihm das so wichtig! Ich hatte damals nur gedacht "ja, ist eh klar." und habe es überhaupt nicht in Verbindung mit dem Training gebracht. Dabei wollte er, ganz einfach, dass ich später die Übungen selber nachmachen kann. Ich hatte sein Hinweis ignoriert und mich mal so und mal so hingestellt und jetzt weiß ich nicht mehr, wie die Reihenfolge war.

Inzwischen greife ich mir nicht mehr an den Kopf. Zu oft habe ich solche Situationen beobachtet und bin dahinter gekommen, warum es nicht so selbstverständlich ist, diesen einfachsten Dingen die Meister Chen Zhonghua unterrichtet zu folgen.
Im Beispiel mit den Richtungen ist es so, dass man sich während der Yilu, unserer langen Form, aber auch während den isolierten Übungen, so oft im Raum dreht, dass eine konsequente Einhaltung der Raumrichtungen essentiell ist, um die Form korrekt zu lernen. Diese Konsequenz sollte man auch einhalten, wenn man einen neuen Trainingsplatz betritt. Wo "vorne" ist, ist praktisch egal, aber ist "vorne" einmal "vorne" sollte es auch dabei bleiben.

Pawel Müller

Pawel Müller

Seit 2009 trainiere ich intensiv Taijiquan. Nach mehreren reisen nach China bin ich nun interner Schüler von Meister Chen Zhonghua und Vertreter des Chen Stils in 20. Generation.

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